Beim Österreichischen Tourismustag 2026 in Wien saß ich im Publikum und hörte Ged Brown zu. Brown ist Founder & CEO von Low Season Traveller, Gründer des Tourism Seasonality Summit und Executive Director der World Tourism Association for Culture & Heritage – kurzum: einer der profiliertesten internationalen Stimmen zum Thema Saisonalität im Tourismus. Sein Impuls-Talk trug den Titel „The Low Season Synapse: How Quiet Travel Creates Transformative, Year-Round Connections.“

Der Titel klingt akademisch. Der Inhalt war es nicht. Er war sehr konkret – und er hat mich aus einem einfachen Grund beschäftigt: weil er Dinge, die wir in der alpinen Destinationsentwicklung seit Jahren diskutieren, mit internationalen Daten untermauert hat.
Die Ausgangslage: Wachstum ist da – aber wo landet es?
Brown eröffnete mit einem Befund, der zunächst wie gute Nachrichten klingt. Laut den Daten aus seinem Vortrag priorisieren 84 Prozent der Reisenden weltweit Urlaub aktiv in ihrer Budgetplanung. 86 Prozent reisen mehr als vor der Pandemie. Und die Reisen werden länger. Die globale Reisenachfrage ist nicht das Problem.
Das eigentliche Thema ist: Wohin fließt dieses Wachstum? Und wann?
Der zweite Datenpunkt macht die strukturelle Dimension klar. Die globale Mittelschicht – laut Brown auf Basis von World Data Lab Daten – wächst von 3,4 Milliarden Menschen im Jahr 2020 auf prognostizierte 6 Milliarden bis 2045. Das sind rund 100 Millionen neue potenzielle Reisende pro Jahr. Diese Menschen werden reisen wollen. Die Frage ist, welche Destinationen für sie attraktiv sind – und in welcher Saison.
Was der Klimawandel für Österreich bedeutet – und zwar positiv

Brown zeigte eine Klimakarte Europas mit vier Erwärmungsszenarien: plus 1,5 Grad bis plus 4 Grad. Unter jedem dieser Szenarien gewinnen Nord- und Alpeneuropa an touristischer Nachfrage. Mediterrane Regionen verlieren in den Sommermonaten, weil die Hitze zu stark wird. Der Norden und die Alpen werden attraktiver.
Für Österreich konkret, so Brown: Steigende Nachfrage – aber außerhalb des Hochsommer-Peaks. Die Zugkraft verschiebt sich in Richtung Frühling und Herbst. Nicht als Kompromiss. Als Qualitätsoption.
Das ist keine neue These. Aber Brown hat sie mit internationalen Klimadaten verknüpft, die zeigen: Diese Entwicklung kommt nicht irgendwann. Sie ist im Gange.
Drei Antworten – und warum nur eine übrig bleibt
Brown stellte dem Saal drei Optionen vor, mit denen Destinationen auf wachsende Nachfrage reagieren können:
Option 1: Preise erhöhen. Peak-Monate sind laut Brown bereits zwei- bis sechsmal teurer als die Schultersaison. Weiteres Potenzial ist begrenzt, ohne Gäste zu verlieren – oder gesellschaftlich akzeptable Grenzen zu überschreiten.
Option 2: Neue Hotels und Resorts bauen. Diese werden im Schnitt sechs Monate im Jahr genutzt. Brown stellte die Frage, ob das nachhaltig ist. Die Antwort kannte der Saal selbst.
Option 3: Die Nebensaison als eigenständiges Erlebnis positionieren. Gleicher Ort. Weniger Menschen. Höherer Wert.
Brown nennt das „Deep Season“. Nicht Rabattsaison, nicht zweite Wahl. Ein eigenständiges Qualitätsversprechen – für Reisende, die genau das suchen: Authentizität, Ruhe, Tiefe.
Wer in der Nebensaison reist – und warum gerade dann
Der vielleicht praktischste Teil des Vortrags war Browns Liste der sogenannten „Low Season Niches“. Das sind Reisemotive, die off-peak nicht trotzdem funktionieren – sondern die ausschließlich dann ihr volles Potenzial entfalten:
Solo Travellers, Cultural Heritage, Culinary & Wine, Wellness & Spa, Art & Literature, Adventure, Dark Skies, Educational Travel, Spiritual & Pilgrimage, Urban Exploration, Nature & Wildlife, Ancestry & Genealogy.
Was diese Zielgruppen verbindet: Sie buchen nicht, weil es billiger ist. Sie buchen, weil die Erfahrung in der stillen Saison eine andere – und für sie bessere – ist. Ein Naturerlebnis ohne Massen. Ein Kulturort ohne Warteschlange. Ein Wellnesstag ohne ausgebuchtes Haus.
Diese Gäste sind nicht schwierig zu gewinnen. Aber sie brauchen eine eigene Geschichte – keine abgeschwächte Version der Hochsaison-Kommunikation.
Was das für alpine Destinationen bedeutet – meine Einschätzung
Ich bin seit über 30 Jahren im alpinen Tourismus tätig – als Destinationsmanager in Destinationen wie den Kitzbüheler Alpen, dem Wörthersee und dem Gasteinertal oder Fiss und Nauders in Tirol. Ich kenne das Muster, das Brown beschreibt, aus eigener Erfahrung: Der Sommer wird promotet, der Winter sowieso – und die Schultersaison ist das, was übrig bleibt.
Browns Analyse dreht das um. Die Schultersaison ist nicht das, was übrig bleibt. Sie ist das, was noch nicht wirklich entwickelt wurde.
Was fehlt, ist selten das Produkt. Was fehlt, ist meistens das klare Bild davon, was Gäste in dieser Zeit wirklich erleben und wie sie darüber reden. Wer weiß, welche Themen in Bewertungen aus dem Mai oder Oktober auftauchen – Stille, Licht, Echtheit, Zugänglichkeit – der hat Positionierungsthemen. Keine Rabattlogik, sondern echte Differenzierung.
Das ist machbar. Es beginnt damit, genau hinzuhören.
Fazit: „Deep Season“ ist kein Trend – es ist eine Richtungsentscheidung
Ged Brown hat beim ÖTT 2026 nichts Neues erfunden. Er hat etwas Bekanntes präzise benannt, mit internationalen Daten untermauert und mit einem klaren Begriff versehen: Deep Season.
Keine Destination entwickelt Schultersaison-Nachfrage, indem sie die gleichen Inhalte drei Monate früher oder später ins Netz stellt. Es braucht eigene Produkte, eigene Geschichten und ein ehrliches Bild davon, was Gäste in dieser Zeit wirklich erleben.
Die strukturellen Voraussetzungen – wachsende globale Mittelschicht, Klimaverschiebung, verändertes Reiseverhalten – sprechen für alpine Destinationen in Österreich. Die Frage ist, ob die Destinationen bereit sind, diese Chance aktiv zu gestalten.
Dieser Beitrag entstand nach meiner Teilnahme am Österreichischen Tourismustag 2026 in Wien (ÖTT 2026). Die zitierten Daten stammen aus dem Vortrag von Ged Brown (Low Season Traveller / Tourism Seasonality Summit, lowseasontraveller.com). KI-unterstützt erstellt. | #GernotGoesAI #GernotGoesKI
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